Solidaritäts-Hype

Der Krieg in der Ukraine verursacht unfassbares Leid und löst eine innereuropäische Fluchtwelle unvorstellbaren Ausmasses aus. Dass zehntausende Schweizer ehrlich helfen wollen und vor Zerstörung flüchtende Ukrainer von einer beeindruckenden Solidaritätswelle getragen werden, stimmt hoffnungsvoll.

«Schlusspunkt»-Kolumne von Anian Liebrand, erschienen in der «Schweizerzeit» am 25. März 2022

Wenn Solidarität allerdings zu einem Hype verkommt, in dem sich allerlei Selbstdarsteller mit laufend neuen Bekundungen und Ablass-Handlungen überbieten wollen – und das Aussprechen von Wahrheiten verteufelt wird –, ist gesunde Skepsis angesagt.

Dass viele Schweizer gleich nach Kriegsbeginn gespendet und unkompliziert Kriegsflüchtlinge bei sich aufgenommen haben, zeigt, dass die oft beschworene «Zivilgesellschaft», allen kulturpessimistischen Klängen zum Trotz, durchaus noch intakt ist. Die Bereitschaft, notleidenden Menschen selbstlos zu helfen, ist in der Schweizer Volksseele tief verwurzelt.

Das «Influencer»- und Selbstverwirklichungs-Zeitalter wirft seine Schatten aber sogar auf die Hilfskultur aus. Wer in diesen Tagen zu «den Guten» zählen will, färbt sein Profilbild in den sozialen Medien mit den blau-gelben Ukraine-Farben ein, inszeniert sich als Samariter und erzählt am Laufmeter, was er scheinbar alles tut, um zu helfen. Es hat etwas Paradoxes an sich, wenn gewisse Schweizer nun mit Bussen und Camping-Ausrüstung an die vollgestopfte polnische Grenze fahren – als wären sie in einem Wettstreit um das beste Image. Das Ziel: Wer schafft es, sich im allgemeinen Wirrwarr noch eine ukrainische Familie zu ergattern? Geht es dabei noch um Hilfe oder um «Erlebnis-Events» und Abenteuer-Ferien, die man dann mit seinen Followern teilen kann?

Wie schon in früheren Konflikten, zeichnet sich ab, dass sich im Zuge des Ukraine-Kriegs auch Elemente unter die Flüchtlingsströme mischen, welche die Situation für ihr eigenes Fortkommen ausnutzen. So stellen auf abenteuerlichem Weg in der Ukraine gestrandete Migranten aus Nordafrika und Nahost nun Einwanderungs-Ansprüche nach Westeuropa. In Deutschland haben solche Migranten mutmasslich eine junge Ukrainerin vergewaltigt. Für das Aussprechen dieser Wahrheit und weil er gemahnt hat, dass wir – der rosaroten Willkommenskultur zum Trotz – noch immer verpflichtet sind, zwischen echten und Schein-Flüchtlingen zu unterscheiden, wurde SVP-Nationalrat Thomas Aeschi vom links-liberalen Medien-Mainstream gerügt.

Einmal mehr zeigt sich, dass allzu extreme Solidaritäts-Hypes das Denken vieler Menschen trüben und brandgefährlich sind.

Anian Liebrand
Anian Liebrand
Geboren 1989 in Fribourg. Aufgewachsen in Beromünster LU. Nach Abschluss der kaufmännischen Berufsmatura diverse praxisnahe Weiterbildungen, u.a. im Marketing. Von 2014 bis 2016 Präsident der Jungen SVP Schweiz. Heute in verschiedenen Funktionen für unterschiedliche Parteien und Organisation tätig. 2020 Gründung der Politagentur.ch GmbH als deren Geschäftsführer.

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