Auszeit-Heuchelei

SP-Nationalrat Cédric Wermuth hat sich eine Auszeit genommen. Zwei Monate lang jettete er mit seiner Familie ab Weihnachten durch Südostasien. Nach einem anstrengenden Wahljahr habe er sich bewusst «ausklinken» und Abstand zur Politik nehmen wollen. Die Teilnahme an mehreren Kommissionssitzungen liess er dafür sausen und die Parlamentarier-Entschädigung (Nationalräte verdienen pro Jahr im Schnitt rund 132’000 Franken) sackte er trotzdem ein.

«Schlusspunkt»-Kolumne von Anian Liebrand, erschienen in der «Schweizerzeit» am 8. März 2024

Es ist Herr Wermuth ja zu gönnen, dass er als Quasi-Berufspolitiker und SP-Präsident für sich das Privileg in Anspruch nehmen kann, einfach mal zwei Monate abzutauchen, ohne dass er in seinen Funktionen offenbar vermisst wird. Auch die Begründung, mehr Zeit mit der Familie verbringen zu wollen, ist löblich. Wir alle sehnen uns nach anstrengenden Berufsmonaten danach, uns zu erholen und wieder aufzutanken. Nach viel Stress und Abnutzung ist es sogar dringend nötig, die Batterien wieder aufzuladen, um sich für künftige Herausforderungen zu rüsten. Nur: Im Gegensatz zu «Work Life Balance»-Techniker Wermuth werden die allermeisten von uns für ihre Ferien nicht vom Steuerzahler entschädigt. Und auch wenn sie dies gerne tun würden, können es sich die meisten Wertschöpfung und Steuersubstrat schaffenden Verantwortungsträger unserer Gesellschaft nicht leisten, sich monatelang abzumelden – erst recht nicht, wenn sie für ein eigenes Unternehmen und Mitarbeiter verantwortlich sind oder als Angestellte längst nicht so fürstlich verdienen wie Cédric Wermuth.

Nach der Rückkehr aus seinem «Sabbatical» gab Wermuth dem «Tages-Anzeiger» ein Interview. Darin sagte er, dass es ihn traurig stimme, dass viele Parlamentarier-Kollegen sich nicht getrauen würden, eine längere Auszeit nach seinem Beispiel zu nehmen. Das halte er «für eine grauenhafte Vorstellung von Führung und Leben». Unsere Wirtschaft als Wohlfühloase, in der Leistungsdenken und Verzicht als überholt angesehen werden – Wermuth vergisst wohl, wer all die Steuergelder generiert, die er und seine Genossen mit linker Politik so frivol verschleudern.

Selbst die Medien sind zum Schluss gekommen, dass Wermuth mit seinem zweimonatigen Asien-Trip gegen das Parlamentsgesetz verstossen hat. 2019 forderte Wermuth ein Verbot von Flügen innerhalb Europas. Selber fliegt er aber um die halbe Welt und hinterlässt einen riesigen ökologischen Fussabdruck. Anschaulicher könnte der Begriff Heuchelei nicht demonstriert werden.

Anian Liebrand
Anian Liebrand
Geboren 1989 in Fribourg. Aufgewachsen in Beromünster LU. Nach Abschluss der kaufmännischen Berufsmatura diverse praxisnahe Weiterbildungen, u.a. im Marketing. Von 2014 bis 2016 Präsident der Jungen SVP Schweiz. Heute in verschiedenen Funktionen für unterschiedliche Parteien und Organisation tätig. 2020 Gründung der Politagentur.ch GmbH als deren Geschäftsführer.

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