Wolf sein

Vor ein paar Tagen entdeckte ich in den sozialen Medien ein Plakat, das an einer Protest-Demo gegen die Corona-Massnahmen gezeigt wurde. Darauf prangte der Spruch: «Bis jetzt habt Ihr Schafe gejagt. Der Rest sind Wölfe».

«Schlusspunkt»-Kolumne von Anian Liebrand, erschienen in der «Schweizerzeit» am 28. Januar 2022

Das Plakat bringt die These zum Ausdruck, dass jene, die sich allen Druckversuchen zum Trotz bis jetzt noch nicht impfen liessen – und auch sonst ihren Überzeugungen treu geblieben sind –, auch in Zukunft «stabil» bleiben werden. Die «Wölfe» sind nicht klein zu kriegen und leisten weiterhin Widerstand, möge das Regime die Schrauben noch so fest anziehen.

Lange habe ich in den letzten Tagen darüber sinniert, ob die Unterscheidung «Schaf oder Wolf» nicht eine Schlüsselfrage menschlichen Zusammenlebens betrifft – ganz unabhängig von der persönlichen Einstellung zur Coronapolitik westlicher Regierungen. Wie wollen wir durchs Leben gehen? Was soll uns als Individuum auszeichnen? Will ich Schaf oder Wolf sein?

Ich persönlich habe mich schon vor Jahren dazu entschieden, Wolf zu sein. Der «politische Wolf» im metaphorischen Sinne ist kein Herdentier. Er verteidigt «die Eigenen» und sorgt sich auch um die Schwächsten seines Rudels. Er ist stolz, robust, widerstandsfähig und hart im Nehmen. Der politische Wolf steckt sein Territorium ab, zieht achtsam seine Kreise und beäugt misstrauisch, wie sich seine «Feinde» ausbreiten und durschaut deren Taktiken. Der Wolf lässt sich nicht zähmen, nicht «einmitten», nicht ruhig stellen, nicht kaufen. Es ist ihm egal, wie andere über ihn denken, sondern steht zu dem, was er ist. Er lauert, bereitet sich vor und wird da sein, wenn sich das Klima wieder bessert und ihm die Zeit zum Angriff als passend erscheint.

Das sinnbildliche Schaf dagegen tut, was ihm befohlen und fühlt sich am wohlsten in der Masse. Solange die Wiesen saftig und grün sind, folgt es seinem Schäfer blind. Es hinterfragt nicht, lässt sich scheren und zur Schlachtbank führen. Ich hüte mich davor, Schafe als dumm zu bezeichnen – aber sie sind bekanntlich Herdentiere, die sich von geübten Meistern leicht führen lassen.

Es ist die Vielfalt, welche die Schöpfung auszeichnet. Nicht jeder kann und soll Wolf sein. Es wäre töricht, jeden, der nicht unsere Meinung teilt, als Mitläufer und «Schlafschaf» zu betiteln. Wer wären wir, würden wir uns anmassen, über alles richten zu wollen? Doch ist es nicht so, dass wir in diesen Zeiten ein paar (politische) Wölfe mehr gebrauchen könnten? Ihre Meinung zu diesem (ausdrücklich nicht in landwirtschaftlichem Kontext stehenden!) «Schlusspunkt» interessiert mich.

Anian Liebrand
Anian Liebrand
Geboren 1989 in Fribourg. Aufgewachsen in Beromünster LU. Nach Abschluss der kaufmännischen Berufsmatura diverse praxisnahe Weiterbildungen, u.a. im Marketing. Von 2014 bis 2016 Präsident der Jungen SVP Schweiz. Heute in verschiedenen Funktionen für unterschiedliche Parteien und Organisation tätig. 2020 Gründung der Politagentur.ch GmbH als deren Geschäftsführer.

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