Ein längeres Gespräch mit einem renommierten Kenner des Bildungswesens hat mir vor Kurzem in Erinnerung gerufen, wie akut die Misere an unseren Schulen ist. Ein Viertel der Schüler erreicht nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit die Mindestlesekompetenzen nicht.
«Spalte rechts»-Kolumne von Anian Liebrand, erschienen in der «Schweizerzeit» am 4. September 2026
Das heisst: Jeder vierte 15-Jährige kann gelesene Texte nicht richtig verstehen und gilt als «funktionaler Analphabet» – über alle Altersgruppen hinweg zählt die Schweiz mittlerweile 850’000 Menschen, die grosse Mühe mit Lesen, Schreiben und Rechnen haben.
Wie kann das sein – im zweitteuersten Bildungssystem der Welt, das den Schweizer Steuerzahler jedes Jahr über 45 Milliarden Franken kostet? Wie kann das sein – in einem Land, das über 370’000 Angestellte im Bereich Erziehung und Unterricht zählt? Dies bei notabene weniger als einer Million Schüler in der obligatorischen Schule.
Junge Menschen, die in der Schule nicht mehr richtig Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, sind nicht nur denkbar schlecht auf das Berufsleben vorbereitet – sie sind extrem benachteiligt in wesentlichen Belangen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Denn sie beherrschen Kernelemente der Sprache als Grundlage aller Interaktionsformen nicht.
Lehrplan 21, Schreiben nach Gehör, integrativer Unterricht, Frühfranzösisch, Notenabschaffung und so weiter: Kaum ein Bereich unter staatlicher Einflussnahme wurde in den letzten Jahrzehnten in solch einem Ausmass umgepflügt wie das Bildungswesen. Längst ist offensichtlich, dass die Reformitis nicht nur wenig bewirkt, sondern unsere Volksschulen in Trümmern gelegt hat. Jahr für Jahr wird in der Bildung alles teurer – das Niveau sinkt aber stetig.
Ein Bildungssystem, das seinen Kernauftrag nicht mehr erfüllt, muss von Grund auf neu errichtet werden. Die Bildungsbürokratie und mit ihr der ganze Kreis ihrer ideologischen Profiteure gehört zerschlagen.
Die Frage, die mich aber am meisten umtreibt und mir keine Ruhe lässt: Wer trägt in unserem Bildungswesen die Verantwortung dafür, dass ein Viertel der Schulabgänger nicht richtig lesen und schreiben kann? Wer steht dafür gerade und verspricht, etwas zu ändern? Wir haben 26 Bildungsdirektoren, eine Erziehungsdirektorenkonferenz und unzählige weitere Gremien – aber alle schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Ein unhaltbarer Zustand, der das wohl tiefgreifendste Problem offenlegt: Unserem Staatswesen ist das Verantwortungsbewusstsein abhanden gekommen. Hier müssen wir ansetzen.


